7. BIEDERMEIER – DIE KUNSTGALERIE KÜHL IN DRESDEN

Katharina wurde fast jedes Wochenende mit Cloé, der Tochter von Pittys Freund und Künstlerkollegen Werner Wittig und seiner Frau Ute zu Vernissagen geschleift. Die Mädchen haßten es, das gesellschaftliche Anhängsel eines Künstlerbienenstocks zu sein, der autark in sich funktionierte. Die hohe Königin war die Kunst in der Pyramide der Macht.

Sie konnte nicht allein existieren und wurde von Sammlern und Mäzenen gefüttert und finanziert. In dieser Mitte pflegte man die gerade geschlüpften Bienen und brachte sie mit der hohen Königin der Kunst zusammen. Das gemeine Fußvolk waren die Arbeitsbienen, die in dieser bigotten Gesellschaft, wie die Brise Zucker in der Suppe waren.

Übersättigt zeigten sie ihre Macht und Unabhängigkeit und schoben sich in einem Monat so viel Geld gegenseitig zu, mit handwarmen Empfehlungen und Bundesverdienstkreuzen gepaart, wie sie die dogmatisierte Bevölkerung im ganzen Jahr zusammen nicht verdienen konnte.

Diese verstörte Gesellschaft tänzelte, wie Marionetten korrupter Politiker, Fernsehjournalisten und Direktoren der Staatlichen Kunstsammlungen und sonnten sich in Dinglingers Juwelen und Friedrich Böttgers Weißem Porzellan.

Sie schmückten sich mit fremdem Ruhm und waren der letzte antike Bienenstock der barocken Gesellschaft, mit pudrigen Quasten und hochtupierten Haaren, wie es später Vivian Westwood in ihren schrillen Outfits paralysierte. Es war die Parallelwelt zu der burlesquen Vergangenheit, der zögerlich hochgeschobenen Reifröcke der Mätressen und Konkubinen, die im Schatten der Verhandlungen, ihre zitternden Schenkel spreizten und ihre Weiblichkeit verkauften.

Während Fressgelagen mit überfüllten Silbertabletts und fließendem Rotwein aus antiken Trinkkelchen, der spritzend über die, mit Granatketten behängten Dekolletés der gierigen Gäste ran. Die verlogene und durchsetzte Sippschaft zwischen Staatsicherheitsspionen und der Nachkriegsgeneration.

Tante Ute hielt die Hand ihrer Tochter, die sich misswillig hinter ihr herziehen ließ. Sie schaute aus dem großen Fenster der Galerie. Der Himmel war so blau, wie ihre Träume. Die Sonne so warm und glänzend, wie ihre Sehnsucht. Sehnsucht nach Draußen. Sehnsucht nach frischer Luft und der Natur. Blättern, Blumen und der Bank mit Blick zum Schwarzen Teich. Sehnsucht nach Freiheit und nicht nach den staubigen konsumieren von Kunst.

Während der Vernissagen in der Galerie Kühl der Neustadt traf sich die Dresdner intellektuelle Gesellschaft und so auch Pitty den Künstler Max Uhlig, von dem er ein Kunstwerk kaufen wollte. Er hatte in der Galerie Nord in Dresden eine Ausstellung gesehen, wo Uhlig mit sich kreuzenden Tuschestrichen Köpfe malte und Pitty wollte von ihm einen Jesus bestellen.

Einen, mit stacheligen Rosenkranz auf dem Kopf. Mit Farbe und einem Rot, wie Blut. Es hing später im Korridor und wenn Katharina nicht besorgt die Grausamkeit des Kupferstiches von Callot betrachtete, stand sie vor dem Jesus von Max Uhlig und suchte in ihrem kleinen Herz einen Weg, dem Jesus zu helfen, dass er nicht so große Schmerzen erleide.